Die Debatte über Fake News, also falsche Nachrichten, gibt es nicht erst seit den US-Wahlen 2016, als die Rolle der Twitter-Kampagnen von Trump-nahen Medien und Think-Tanks das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Im Gegenteil: Demokratien wurden immer wieder durch Veränderungen in der Medientechnik erschüttert, die eine Debatte und die Einordnung und Glaubwürdigkeit von Nachrichten nach sich zog. Im 19. Jahrhundert ermöglichten billiges Zeitungspapier und verbesserte Druckmaschinen den Partisanenzeitungen, ihre Reichweite drastisch auszuweiten. Damals wurde argumentiert, dass die Wirksamkeit der Presse als Machtkontrolle dadurch deutlich gesteigert wurde (z.B. Kaplan 2002).

Im 20. Jahrhundert, als Radio und dann Fernsehen dominierten, befürchteten die Beobachter, dass diese neuen Plattformen die substantiellen politischen Debatten auf Sensationen und scharfe Statements reduzieren würden, charismatische oder „telegene“ Kandidaten gegenüber denen bevorzugen würden, die mehr Führungsqualitäten haben könnten, aber weniger glatt und medientauglich wären, und dass durch diese medialen Kanäle letztendlich Macht in den Händen einiger großer Unternehmen konzentriert würde (Lang und Lang 2002).

In den frühen 2000er Jahren gab das Wachstum der Online-Nachrichten Anlass zu neuen Bedenken, unter anderem, dass eine übermäßige Vielfalt von Standpunkten es Gleichgesinnten erleichtern würde, „echo chambers“ („Echokammern“) oder „filter bubbles“ („Filterblasen“) zu bilden, in denen sie von gegensätzlichen Perspektiven isoliert würden (Sunstein 2007; Pariser 2011).

In jüngster Zeit hat sich der Fokus der Aufmerksamkeit auf Social Media verlagert. Social Media Plattformen wie Facebook haben eine deutlich andere Struktur als bisherige Medientechnologien. Inhalte können an Benutzer weitergegeben werden, ohne dass eine wesentliche Filterung durch Dritte, eine Faktenprüfung oder ein redaktionelles Urteil erforderlich ist. Ein einzelner Benutzer ohne Erfolgsgeschichte oder Ruf kann in einigen Fällen so viele Leser erreichen wie CNN oder die New York Times, oder eben die Neue Züricher Zeitung. Mit diesen Voraussetzungen spielen und rechnen politische Gruppierungen und Einzelpersonen, die Fake News verbreiten. Das prominenteste Beispiel für den gezielten Einsatz von Fake News ist die Präsidentschaftswahl 2016 in den USA, von der Studien inzwischen zeigen, dass:

  1. 62 Prozent der US-Erwachsenen Nachrichten inzwischen in sozialen Medien lesen (Gottfried und Shearer 2016);
  2. die beliebtesten gefälschten Nachrichtengeschichten auf Facebook weiter verbreitet wurden als die beliebtesten Mainstream-Nachrichten (Silverman 2016);
  3. viele Menschen, die gefälschte Nachrichten sehen, berichten, dass sie ihnen glauben (Silverman und Singer-Vine 2016); und
  4. die am häufigsten diskutierten gefälschten Nachrichtengeschichten dazu tendierten, Donald Trump gegenüber Hillary Clinton (Silverman 2016) zu bevorzugen.

Zusammenfassend haben einige Kommentatoren vorgeschlagen, dass Donald Trump ohne den Einfluss gefälschter Nachrichten nicht zum Präsidenten gewählt worden wäre (Beispiele siehe Parkinson 2016; Read 2016; Dewey 2016).

Das Fazit dieser Betrachtung ist also folgendes: Fake News entstehen, weil sie billiger zu liefern sind als präzise Signale, weil die Leser nicht kostenlos die Wahrheit überprüfen können und weil sie parteiische, sensationalistische Nachrichten durchaus genießen können. Gefälschte Nachrichten können für einige gesellschaftliche Gruppen von Nutzen sein, aber sie verursachen auch private und soziale Kosten, indem sie es dem Leser erschweren, den wahren Zustand der Welt abzuleiten – zum Beispiel, indem sie es den Wählern erschweren, den Wahlkandidat zu finden, der ihre Ziele und Interessen vertritt.

Schaut man nach Europa, so gab es vor der Europawahl 2019 große Bedenken aller politischen Lager, dass Fake News auch aus anderen Ländern wie Russland die Wahl beeinflussen könnten. Es wurden Fakten-Check-Portale angeboten, so beispielsweise durch die ARD in Deutschland. Die EU-Kommission will ein Abwehrsystem gegen Desinformationskampagnen aufbauen. Dieses sieht bis Frühjahr 2019 eine enge Vernetzung und Informationsaustausch der EU-Regierungen zu dem Thema vor.

Als  „echo chamber“ oder Echokammer bezeichnet man den Effekt, bei dem eine Gruppe von Nutzern denselben Inhalt wieder und wieder auf Sozialen Netzwerken teilt und damit sich gegenseitig auch immer wieder bestätigt und zuspielt. Damit gewinnt der jeweilige Inhalt  eine überproportionale Präsenz und wird „größer“ als sein eigentlicher Neuigkeitswert es rechtfertigen würde.

Eine „filter bubble“ ist eine thematische Verengung der Inhalte, die einem Nutzer auf Sozialen Medien gezeigt werden. Dies entsteht dadurch, dass die in der Programmierung von bspw. Facebook enthaltenen Filter aus den bisherigen Inhalten eines Nutzers und seiner Kontakte versuchen abzuleiten und zu steuern, welche Inhalte ihm in Zukunft gefallen könnten. So werden immer mehr Inhalte einer bestimmten (radikalen) Richtung angezeigt und vorgeschlagen. Begibt sich der Nutzer hier hinein, sieht er bald kaum andere Meinungen und Inhalte als solche, die ihn in dem bestätigen, was er schon kennt und mag.